Judo, allen ein Begriff?

Was bedeutet "Judo"? "Sanfter Weg" natürlich! Was soll denn diese Frage?", werden die meisten antworten. Was ist eigentlich mit dem "sanft" gemeint? Ist das denn eine gute Übersetzung?

Weiche und harte Kampftechniken


In einer weichen (sanften) Technik nutzt der Verteidiger die Kraft und den Impuls des Angreifers, indem er den Angriff entweder auf den Angreifer zurückführt oder weiterleitet - und nicht blockt. Insbesondere das fehlende Gleichgewicht (Kuzushi) eines Angreifers ermöglicht einen effektiven Einsatz einer Technik. Dieses Prinzip gründet also in dem Konzept von Nachgeben und Flexibilität - nicht nur physisch gesehen, sondern auch geistig.

Im Gegensatz dazu stehen die harten Techniken, bei der Kraft gegen Kraft gesetzt wird: Sei es durch einen direkten Block oder das "Abschneiden" einer Kraft (ähnlich wie bei einem Autounfall, bei dem einer einem anderen direkt von der Seite hineinfährt oder, um in den Kampfsportarten zu bleiben, ein Tritt gegen einen angreifenden Arm).

Die Kanji Ju und Do


Nebenstehend seht Ihr die zwei Kanji-Zeichen, mit denen der Begriff Judo geschrieben wird: Diese Schriftzeichen lassen oft mehrere Übersetzungen und damit mehrere Bedeutungen zu.

Das Schriftzeichen "Ju" steht im Gegensatz zum Schriftzeichen Go: Während Go "hart" bedeutet, wird Ju mit "nachgeben", "anpassen", "geschmeidig", "harmonisch" oder "flexibel" übersetzt. Im Zusammenhang mit Kampfkünsten/-sportarten ist "sanft" eine häufig missverständliche Interpretation. Das Kanji Ju ist ebensowenig mit "Schwäche" gleich zu setzen, sondern enthält mehr die Idee der Flexibilität: Wie der vielzitierte schneebeladene Bambus zuerst nachgibt, aber gleichzeitig die ihn beugende Energie aufnimmt und mit Kraft zurückschnellen kann. "Ju" setzt Flexibilität und Geschmeidigkeit in direkten Zusammenhang mit daraus resultierender Kraft und Geschwindigkeit.

Das Schriftzeichen „ju“ ist vermutlich aus einer Passage des chinesischen Militär-Klassikers San-Lue (jap. San Ryaku) entnommen. Die Passage heißt „ju yoku sei go“ oder dem Sinne nach „das Weiche siegt über das Harte“. Daraus entstand die Idee, dass das Schwächere dem Stärkeren nicht widerstehen, sondern durch Nachgiebigkeit siegen soll.
(Quelle: http://www.tenshukaku.de/kumi2.htm)

Auch die Silbe "Do" hat mehrere Bedeutungen und Interpretationen: Zusammengesetzt aus den Schriftzeichen für “shinnyu”(Fußbewegung) und “shu” (Kopf) wird damit das bewußte Gehen im Sinne von der "Richtung und Art und Weise zu gehen" ausgedrückt : Also Prinzip, Methode, Lehre, dem Leben zugrundeliegendes Konzept und ist damit Ausdruck des lebenslangen Lernens sowie des geistig-moralischen Prinzips (Gegenseitiges Helfen und Verstehen für den wechselseitigen Fortschritt und das beiderseitige Wohlergehen).

Erste Verwendung von "Judo"


Der Begriff "Judo" wird zum ersten Mal von Kanemon Terade, einem Großmeister des Kito-ryu (eine der großen Ju-Jutsu-Schulen) verwendet: Kanemon gründete mit einem neuen Stil (System) eine neue Schule, das Jikishin Ryu, in der der Fokus auch auf der geistigen Entwicklung und den technischen Aspekten der Kampftechniken lag. Judo bedeutete hier den bestmöglichen, also effektivsten Einsatz der Techniken. Kano Jigoro übernahm den Terminus "Judo" und benannte sein System zur Unterscheidung "Kodokan Judo" (also Judo, welches im Kodokan = Halle zum Studium des „Weges" gelehrt wird).


Sanft oder flexibel?


"True spirit of Judo is nothing but the gentle and diligent free spirit. Judo rests on flexible action of mind and body. The word flexible however never means weakness but something more like adaptability and openmindness. Gentleness always overcomes strength." Kyuzo Mifune

Professor Kano (übersetzt aus Keiko Fukuda, Born for the Mat (1973, pp. 9):
"The aim of judo is to utilize physical and mental strength most effectively. Its training is to understand the true meaning of life through the mental and physical training of attack and defense. You must develop yourself as a person and become a useful citizen to society."

Die beiden obenstehenden Zitate und die möglichen Interpretationen der Kanji lassen es eigentlich fast nicht zu, dass "Judo" mit "sanfter Weg" übersetzt wird, auch wenn es eine wörtlich richtige Übersetzung ist: Es steckt so viel mehr in diesem Begriff, als dass dieses Wort dafür ausreichend sein könnte.

Ich persönlich finde eine Übersetzung mit "Judo, der flexible Weg" noch am Treffendsten.